Milia Mountain Retreat – Ein atemberaubender Rückzugsort

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Nach fast einer Stunde Fahrt sehen wir die große hölzerne Tafel, die uns den Weg nach Milia weist. In 6,5 km sind wir da. Ich kenne die Strasse und freue mich jedesmal wenn ich hier abbiege, denn bereits die Anfahrt zum Resort ist ein Abenteuer. Zügig geht es, vorbei an Eukalyptus- und Erdbeerbäumen vorbei, bis auf 850 Meter nach oben und genau hier ist ein kurzer Halt Pflicht.

Wegen der atemberaubenden Aussicht auf die Nordküste, die Hänge und Schluchten im Süden und die weißen Berge im Westen. Hinzu kommt, dass man von Oktober bis März sehr großes Glück haben und genau hier die Bartgeier fliegen sehen kann.Wir haben heute kein Glück. Noch nicht.

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Unsere erste längere Wanderung in diesem Jahr steht für heute auf dem Plan. Wir freuen uns doppelt, denn das Wetter ist traumhaft und wir haben Gesellschaft von zwei wunderbaren Freundinnen. Wakan freut sich über zwei zusätzliche Handpaare, die zum Streicheln genötigt werden können und ich mich auf garantiert spannende Gesprächsthemen.
Wir verlassen unseren Aussichtspunkt um die letzen 300 Meter bis zum Parkplatz zu fahren, der unser offizieller Startpunkt sein wird.

Milia

Milia

Ist griechisch und bedeutet so viel wie “zurück zum Ursprung”. Die Idee zu diesem Rückzugsort entstand in den 80er Jahren, als Jacob Tsourounakis die Vision hatte ein seit 40 Jahren verlassenes Dorf wieder aufzubauen. Sein Dorf.
Durch die Landflucht der kretischen Bewohner, die zum Großteil ihre Dörfer verließen um in den Städten und größeren Orten Arbeit zu finden, wurde aus vielen lebendigen Dörfern geisterhafte Orte.

Der Traum von Jacob war es, einen Ort zu schaffen an dem Mensch und Natur Hand in Hand leben. Was gebraucht wird selbst erzeugen und Nutzen was zur Verfügung steht, statt stetig neu anzuschaffen. Und Jacob hatte wohl den richtigen Weg eingeschlagen, denn wenig später traf er auf George Makrakis, dessen Familie ebenfalls Grundbesitzer in Milia waren.

George hatte ähnliche Vorstellungen wie Jacob und so wurde aus einer Idee schnell ein Plan und aus einem Plan ein Bauprojekt. Werkstoffe wurden aus der Region genutzt, wo auch die Handwerker herkamen, die die alten Häuser traditionsgerecht wieder aufbauten.

Und während des gesamten Bauprojektes entstand die Idee aus den einzelnen Häusern Gästehäuser zu machen.
Ein Dorf für Urlauber, die Stille und Rückzug suchen. Ökologisch gebaut und bewirtschaftet. Die Idee der beiden war so perfekt, das sie 1990 sogar EU Fördermittel erhielten und das gesamte Bauprojekt in drei Jahren abschließen konnten.

Und so eröffnete 1993 das Milia Mountain Retreat seine Tore und sein eigenes Restaurant, in dem es nur Speisen aus lokalem Anbau und eigener Viehhaltung gibt. Im Jahr 2000 gesellte sich noch Tasos zu den Gründern, das Restaurant wurde erneuert und heute ist Milia eines der etabliertesten Urlaubsorte im Westen Kretas.

Wenn ich den Weg vom Parkplatz in das Dorf laufe erlebe ich immer wieder diese magische Stimmung. Einen völlig natürlichen Rückzugsort kann man spüren. Weil man die Stille hören, riechen, schmecken und fühlen kann.

Milia

Es dauert nicht lange bis wir die ersten fleißigen Arbeiter treffen. Es gibt viel zu tun, denn auch Milia wurde nicht gänzlich vom starken Regen verschont. Aber im Vergleich zu anderen Orten ist hier alles in bester Ordnung, was wohl auch daran liegt das bei der Restauration des Dorfes nicht in die Natur eingegriffen wurde.

Alle Flußläufe durften weiter ihres Weges fließen und Wege wurden dem Flußlauf in angemessenem Abstand angepasst. Doch trotzdem gibt es einiges zu tun. Beete werden bestellt, Fassaden ausgebessert, Holztüren werden gestrichen und Wege werden von Ästen befreit, die dem Sturm nicht Stand halten konnten.

Und wo Menschen sind, gibt es meist auch Hunde. Zumindest ist das auf Kreta so. Und so dauert es nicht lange bis das erste Bellen ertönt. Das Zweite lässt nicht auf sich warten und mit dem Dritten kommen auch sogleich die zugehörigen Fellnasen um die Ecke. Wakan ist begeistert!

Es wird geschnuppert, die Rangordnung geklärt und dann verliert er auch schon wieder das Interesse. Immerhin sind wie hier um was zu erforschen, da ist keine Zeit für Ablenkung. Ich bin beeindruckt von so viel Disziplin.

Wir folgen der Strasse durch den zauberhaften Ort bis wir an den ersten Wegweiser kommen. Es gibt fünf mögliche Ziele und alle zugehörigen Pfeile zeigen in dieselbe Richtung. Verirren unmöglich.

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Kurz darauf sehen wir zu unserer Linken eine kleine Kirche, folgen dem Weg allerdings in der anderen Richtung und kommen zum ersten Tor. Wer uns immernoch folgt ist einer der ortsansässigen Vierbeiner. Wir passieren das Tor und ich schließe es, bevor der kleine schwarze auf die Idee kommt wir würden ihn mitnehmen.

Ich habe absolut kein Problem mit anderen Hunden, aber nimmt man sie mit auf eine Wanderung muss man sie auch zurück bringen. Und man weiß nie ob sie die Wanderung überhaupt aus eigener Kraft schaffen. Ich habe mir also angewöhnt Hunde nicht ohne ihren Besitzer mitzunehmen.

Kaum haben wir den einen Vierbeiner abgehängt, taucht schon ein Zweiter auf. Allerdings von einer anderen Gattung. Und wir trauen alle unseren Augen nicht.

Ein Schwein!

Höre ich Maria meine Gedanken aussprechen. Und als ob es nicht sowieso schon viel zu selten vorkommt, dass man Hausschweine in der freien Natur sieht, ohne Kette oder Zaun, ist es für mich seit 2 Jahren das erste Mal das ich überhaupt ein Schwein sehe.

Wakan ist sichtlich desinteressiert. Ein Schwein ist ihm nicht spannend genug, vor allem weil es nicht mit einer gewaltigen Herde auftritt. Seine Herausforderung fängt erst bei mindestens fünf Erscheinungen der selben Art an. Ich freue mich noch ein bisschen am Anblick dieses knuffigen Rosa-schwarz-gefleckten Wunders und weiter geht’s.

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Das zweite Tor wird durchquert und wir kommen zur nächsten Beschilderung. Ich schlage vor den linken Weg zu gehen. Die Beschilderung sagt uns, das es hier zu Agios Georgios Kirche geht. Die Wanderwege gehen geradewegs über den Bach und dann bergauf. Aber der Weg zur Kirche führt am Bach entlang, eindeutig eine gute Wahl.

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Alle sind einverstanden, denn plätschernde Bäche mit kristallklarem Bergwasser sind ein ebenso seltener Anblick auf Kreta wie rosa Schweine mit schwarzen Punkten.

Apropros schwarz, was ist denn da los? Der kleine schwarze Wuschelhund hat sich tatsächlich einen Weg gesucht um uns zu folgen. Ich schwöre: Ich hab beide Tore zugemacht.

Wakan freut sich. Es wäre ja auch wirklich unfair wenn ich Kumpels dabei hätte und er nicht. Also gehen wir alle das Wagnis ein und vertrauen darauf, das ein Hund aus den Bergen auch wandertauglich ist. Und so geht es entlang des Baches, vorbei an Agios Giorgios am Fuße der Berge, weiter auf unserem Weg.

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Das Wetter belohnt uns über die Maßen mit einem strahlend blauen Himmel und sicher 26 Grad. Die Vögel singen was das Zeug hält, der Bach rauscht vor sich hin und entlang des Weges blüht und summt es, das man meinen könnte es wäre Frühjahr auf der Alm. Und nach einiger Zeit ist unser Weg sogar markiert und wir folgen dem grün-weißen Pfad in dieser herrlichen Landschaft. Es ist für mich immer wieder faszinierend wie anders sich die Natur hier anfühlt.

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Ich kenne Bäche und Flüsse, keine Frage. Aber ein Bach auf Kreta ist so besonders, das ich mir glatt eine Träne der Rührung verkneifen muss.

Was für eine schöne Welt. Insgeheim bin ich froh das es doch noch Orte gibt an denen die Naturzerstörung für Rohstoffe noch nicht ihre Spuren hinterlassen hat.

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Wobei, auf Kreta hat die Zerstörung vor vielen Jahrhunderten stattgefunden, als die Venezianer den Großteil der riesigen Waldflächen abgeholzt haben um Schiffe zu bauen. Und bis heute hat sich die Insel davon nicht wirklich erholt. Kaputt geht schnell, aber Regeneration dauert seine Zeit, denke ich als ich schlagartig durch eine weitere unerwartete Begegnung in die Gegenwart zurückgeholt werde.

Mitten auf dem Weg steht ein Esel und knabbert genüsslich die Olivenblätter von einem, wohl extra für ihn drapierten Ast ab. Er ist von der Trense bis zum Sattel in traditionelles Geschirr gehüllt und ich bin ein zweites mal Schockverliebt! Wakan ist nur geschockt, weil er sich an seine Eselbegegnung vor einigen Jahren in Deutschland erinnert.

Das waren nicht so freundliche Gesellen. Sie waren sofort nachdem sie ihn erspäht hatten auf Angriffskurs und nur mit Mühe von ihm abzulenken. Seither weiß ich, das man Esel früher zur Abwehr von Wölfen in Schafsherden mitgeführt hat.

Gab es Wölfe auf Kreta? Ich suche gerade einen Weg die Hunde im Bogen am Esel vorbei zu schmuggeln, als mir ein Mann in einem kleinen Garten auffällt. Er muss der Eselbesitzer sein. Ich frage ihn ob sein Esel Probleme mit Hunden hat.
Er lächelt freundlich und schnalzt mit der Zunge, was soviel bedeutet wie nein. Die Hunde kommen ohne Probleme am Esel vorbei und ich darf sogar noch ein paar Bilder von ihm machen.

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Vorbei am Esel führt unser Weg durch zwei kleine Dörfer, zu einer Ausgrabungsstätte und dem ein oder anderen versteckten Naturphänomen, bis wir wieder auf die grünen Wiesen rund um Milia geführt werden.

 

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Der grün-weiße Pfad geht bergab und auf der Karte sieht es aus als führte er uns ein gutes Stück auf dem selben Weg zurück, den wir bereits gegangen sind.

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Wir entscheiden uns abseits der Markierung einen abenteuerlichen Pfad einzuschlagen der uns auf direktem, wenn auch gut zugewachsenem Weg, ein weiteres Stück bergauf führte. Wakan macht was er am besten kann und geht voraus um den besten Weg durchs Dickicht zu finden. Auf ihn ist Verlass.

Wir sind in Windeseile oben und kreuzen einen markierten Pfad. Die Markierung ist rot und wir erinnern uns, dass wir am Ausgangspunkt unter den fünf Farben auch rot hatten. Perfekt!

Ein Hoch auf den besten Pfadfinder südlich von Spitzbergen. Nicht zu verachten ist auch unser Gastwanderer. Er hat viel kürzere Beine als wir alle und läuft wie ein Profi über Stock ein Stein. Respekt!

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Der rote Pfad führt uns über eine Miniaturausgabe einer Hochebene und auch dieses Stück Natur kommt um ein bewunderndes:

Awwwwwwww, guck mal wie schön!

nicht herum. Wir sind einstimmig begeistert! Letztlich kreuzt auch dieser Weg einen weiteren Wanderweg. Schwarz-gelb.
Wir lachen. Drei Frauen, drei Wege. Und jeder hatte seinen Reiz. Wir sind uns einig das wir wiederkommen um die partiell erforschten Wege noch in ihrer Gänze zu entdecken.

Jetzt geht’s erstmal zurück nach Milia. Wenn wir Glück haben bekommen wir einen frischen Bergtee mit Honig. Und ein Schwein haben wir ja schon gesehen, da kann das Glück nicht weit sein. Und wie bestellt sehen wir auf dem Rückweg ein weiteres Schwein. Regungslos unter einem Baum.

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Es ist riesengroß! Ich kann nicht anders. Mein Zoom reicht nicht so weit. Ich schleiche mir ran, bediene den Auslöser, es klickt und ich höre ein leises Grunzen. Im nächsten Moment fällt mir ein, dass ich gegen das Schwein keine Chance habe. Wenn mein Fotografie Ehrgeiz dazu beigetragen hat, das es sich bedroht fühlt bin ich erledigt. Da ist es erneut. Grunz. Grunz.

Und jetzt sehe ich es! Das Schwein träumt! Es liegt dort in seligem Schlummer und grunzt beim Träumen. Ich dachte wirklich das süßeste Wesen ist Wakan, wenn er träumt und alle vier Pfoten um ihr Leben rennen und er leise in sich rein bellt. Aber für diesen Moment hat er dieses Prädikat verloren. Ein träumendes Schwein!

Ich bin dankbar. Für so einen durch und durch besonderen Tag!

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Im Milia Restaurant angekommen werden wir bereits erwartet. Unser kleiner Begleiter auch. Der Tee ist fertig, die Aussicht ein Traum und ein abschließender Blick auf die Karte bestätigt uns nochmal das wir 3 Teile von 3 Wanderwegen gelaufen sind. Es hätte nicht besser sein können.

Wobei. Wir hätten alle nichts dagegen gehabt die Nacht in Milia zu verbringen, denn immerhin gibt es noch weitere 4 Wanderwege die wir nicht kennen.

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Bei meiner Seminarorganisation ist Milia einer der Orte der für verschiedene Seminare genutzt werden kann. Aber auch als Urlaubsort ist er perfekt. Wer nicht unbedingt direkt am Meer wohnen will und gerne wandert ist hier genau richtig. Die Strände der Nord und Südküste sind jeweils in ca. einer Autostunde zu erreichen.

Also, wer mag kann sich die Zimmer bzw. Häuser hier näher anschauen.

Für uns ist erstmal Zeit nach Hause zu fahren. Alle Hunde aus Milia begleiten uns zum Auto. Als hätten sie davon gehört das es mit uns spannend ist. Ein schöner Abschluß für einen traumhaften Tag!

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